Digitaler Filmriss und Erdbeerwunder

Foto von Sibelius Gerullies

Foto von Sibelius Gerullies

Nach einem Tag im digitalen Strudel floh ich an den Schwärzesee – eine Walderdbeere, das langsame Wasser und ein Quellsee im Naturschutzgebiet holten mich zurück ins echte Leben. Eine Reflektion über digitale Erschöpfung und die heilende Kraft der Natur.


Heute war wieder einer dieser Tage. Gleich nach dem Aufstehen nahm ich mir fest vor, heute den Tag in der Natur zu verbringen. Ich frühstückte und trank anschließend meinen Tee. Um sicher zu gehen, dass es auch trocken bleibt noch ein kurzer Blick in den Laptop. Als es dann langsam Abend wurde klingelte es an der Tür. Ich erstarrte. Das heißt eigentlich muss ich bereits vorher stundenlang in der selben Position verharrt sein. Noch mehr erstarren geht eigentlich nicht. Das Klingeln riss mich völlig unvorbereitet in eine andere Welt. “Wer auch immer das ist, ich werde nicht öffnen. Ich bin gar nicht hier” sagte ich still zu mir selbst. Gewissermaßen war ich auch wirklich nicht da. Die letzten Stunden war ich im Cyberspace. Ich versuchte zu rekonstruieren, wie sich mein Tag bis heute gestaltete. Doch es gelang mir nicht. Filmriss. So sehr ich auch mein Gehirn anstrengte – es gelang mir nicht einmal richtige Sequenzen in meinem Kopf wieder herzustellen. Ich wagte es nicht, meinen Browserverlauf anzuschauen. Stattdessen löschte ich ihn einfach und schaltete den Computer aus. So langsam nahm ich meinen Körper wahr– ich atmete flach. Gerade so, dass es ausreicht zum überleben, würde ich schätzen. Vielleicht muss immer einer im Standby-Modus sein, während der andere on Power ist – Der Computer oder ich. “Dann darf wohl ich jetzt langsam hochfahren” dachte ich während es ein zweites Mal an der Tür klingelte. Aufmachen? Ausgeschlossen! Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Wie ich später erfuhr war es mein Nachbar, der die Tür läutete. Er wollte seinen Ersatzschlüssel bei mir abholen, da er seine Wohnungstür zufallen ließ und sein Schlüssel noch auf seinem Küchentisch lag. Ein Bisschen Leid tut er mir schon, aber was sollte ich machen? In meinem Zustand hätte ich mich auf keinen Fall der Außenwelt präsentieren können. 17:33 – Gleich kommt meine Freundin zurück. Ich stellte mir vor, wie ich mich im Boden eingrub vor Scham. Das mit dem Versinken funktioniert bei mir leider nicht. So schnell wie möglich weg von hier!

Also Sonnenbrille auf und möglichst unauffällig gekleidet schnappte ich mir mein Fahrrad und machte mich auf den Weg zum See. Noch in meiner Straße kollidierte ich fast mit einer älteren Dame, die nur kopfschüttelnd weiter lief. Mein “Tut mir Leid” wollte sie wahrscheinlich nicht hören. Ich nahm mir vor, vorsichtig zu fahren, wissend um meinen noch immer nicht ganz anwesenden Zustand. Der Weg zum See führt größtenteils über eine unbefestigte Forststraße durch verschiedene Wälder. Ein süßlich-ätherischer Kiefernduft lag in der Luft. Der Fahrtwind war gerade so kühl, dass ich nicht schwitzte und immer wieder säumten Walderdbeeren den Wegesrand. Ich hielt an, um eine zu probieren. Etwas in mir entspannte sich. Es stellte sich eine angenehme Ruhe und so etwas wie Zufriedenheit ein. Ich pflückte die Erdbeere und hielt sie unter meine Nase. Wie kann so eine kleine Frucht so unglaublich duften? Es ist als hätte dieses kleine Pflänzchen, das wir zu der Familie der Rosengewächse zählen vor allem eine Mission: Verlorene Menschen zurück ins Leben zu holen. “Danke” sagte ich in Gedanken, während ich die Erdbeere mit meiner Zunge an meinen Gaumen drückte. Was dann geschah lässt sich nur schwer in Worte fassen. Als meine Geschmacksnerven das süße Aroma aufnahmen, breite sich ausgehend von meinem Mund blitzschnell ein subtiles Kribbeln im ganzen Körper aus. Klingt das abgefahren? Es war beeindruckend. Der kleinen Erdbeere war es nicht genug, nur mit der Zunge geschmeckt zu werden. Nein sie wollte meinen gesamten Körper und zeigte mir so ihre wahre Größe. Ich atmete ruhig und grinste in mich hinein. Auch ich fühlte mich etwas größer.

Foto von Sibelius Gerullies

Foto von Sibelius Gerullies

In einem für mich außergewöhnlich langsamen Tempo fuhr ich weiter zum See. Der Schwärzesee ist ein Quellsee, der in einem Naturschutzgebiet liegt. Auf der westlichen Seite ist es sogar verboten, die Ufer zu betreten. Er ist umgeben von Wald und seit einiger Zeit kann man ihn auch nicht mehr mit dem Auto erreichen. Luftmatratzen, SUPs und Boote sind hier verboten. Eine Ausnahme bilden eine Hand voll Ruderboote des Angelvereins. Als ich ankam war außer mir nur eine Frau dort. Sie kam gerade nackt aus dem Wasser. Mir sind solche Momente immer etwas unangenehm. Ich weiß dann nicht so recht, wie ich mich verhalten soll. Eine nackte Frau, ich und sonst niemand im Wald. Nur weil ich ein Mann bin befürchte ich, dass sie mich als potentielle Bedrohung wahrnehmen könnte. Ich entschloss mich, sie freundlich zu grüßen und begann mir einen schönen Platz für meine Hängematte auszusuchen. Mittlerweile wehte ein leichter Wind vom See her, sodass das Wasser wild glitzerte. Kleider runter und ab ins Wasser. Meine Augen musste ich zukneifen, da die Reflexionen des Wassers mich blendeten. Die Frau hatte mittlerweile ihre Sachen gepackt und war nicht mehr zu sehen. Wegen mir? Ich entspannte mich noch einmal mehr, nahm einen tiefen Atemzug und ließ mich dann ins Wasser fallen.

Wasser hat die Eigenart, dass in ihm jede Bewegung langsamer vonstatten geht als an der Luft. Man wird regelrecht zur Langsamkeit gezwungen. Jeder der einmal versucht hat im Wasser zu rennen – und wer hat das nicht? – weiß, dass es immer mühsamer wird, je schneller man laufen möchte. Es ist als würde das Wasser einem mitteilen: “Halt! Du bist hier nicht an Land! Hier gelten meine Regeln und an die hältst du dich besser”. Ironischerweise hatte diese zeitlupenartige Bewegung die komplett entgegengesetzte Wirkung im Vergleich zu meiner Zeit am Bildschirm. Während am Computer 8 Stunden einfach so in der virtuellen Matrix verschwunden sind, schenkt mir der See Zeit. Bislang bedeutete langsam vergehende Zeit für mich Langeweile. Ich denke an ein Wartezimmer beim Arzt in dem ich sitze und jede Minute auf die Uhr schaue in der Hoffnung bald erlöst zu werden. Anders herum waren es oft die schönen Momente, in denen die Zeit leider viel zu schnell verrinnt. Heute war das anders. Gewissermaßen hat meine Wasserzeit also mein Zeitkonto aus dem Dispo geholt und wieder auf Null gesetzt. Das ist auch deshalb interessant, weil ja die meisten Technologien versprechen, das Leben einfacher zu machen, sodass wir mehr Zeit für die wesentlichen Dinge haben. Stattdessen macht die digitale Technik, wie auch viele Errungenschaften der Industrialisierung ihre Erschaffer zu Sklaven ihrer selbst. Ich möchte an dieser Stelle die Vorteile dieser Erfindungen gar nicht in Frage stellen. Immerhin nutze ich das Internet um diesen Artikel zu teilen. Aber ich frage mich schon lange, ob der Preis, den wir dafür zahlen es Wert ist.

Ich liebe das Wasser und könnte mir nicht vorstellen, an einen Ort zu ziehen, der weder einen sauberen Fluss, einen See oder Meer in der Nähe hat. Und doch zählt das Schwimmen nicht unbedingt zu meinen Leidenschaften. So machte ich lediglich ein paar Züge. Vielleicht bis zu einem Drittel des Seedurchmessers und beobachtete meine Umgebung. Der Wald, der den kompletten See umgibt funkelte golden von den Lichtspiegelungen des Wassers. Aus dieser Perspektive hätte es ein Foto meiner Hängematte sicher auf ein Wandkalenderdeckblatt geschafft. Der Wind ist etwas stärker geworden, sodass mir immer wieder kleine Wellen ins Gesicht schwappten. Ich schmeckte das Seewasser in meinem Mund. Es erinnerte mich an Momente meiner Kindheit, in denen ich mit meinen Brüdern unter Wasser Lieder sangen, die die anderen dann erraten mussten. “Damals waren wir noch nicht verschmutzt vom digitalen Müll”" dachte ich kurz. Wie rein mir heute die damalige Zeit vorkommt. Und wie lebendig wir waren! Gefühlte 100 Mal sprang ich hintereinander mit der Affenschaukel ins Wasser und hatte immer noch nicht genug. Nur aus dem einen Grund: Es machte mir Spaß! Diese Intensität vermisse ich heute in meinem Leben. Aber ich fürchte mich auch vor ihr. Warum eigentlich? Wie konnte es überhaupt passieren, dass die pure Freude am Leben von sinnlosem Getippe und Gescrolle abgelöst wurde? Vielleicht ist es auch nur das älter Werden. Vielleicht ging es meinen Eltern und Großeltern ähnlich. Irgendwann hören wir halt auf zu spielen und werden erwachsen. Doch niemand kann mir erzählen, dass das dumpfe Tippen und Wischen auf einer Glasscheibe etwas mit erwachsen sein zu tun hat. Manchmal kommt es mir sogar vor, als hätte es noch nicht einmal mit Mensch sein zu tun. Es ist als würde eine fremde Macht übernehmen. Wie Bibigirl, die perfekte Puppe aus Michael Ende’s Roman Momo. Der Unterschied zwischen Momo und mir ist nur, dass Momo keine Lust hat mit der Puppe zu spielen, während ich hypnotisiert von ihr gar nicht genug von den grauen Männern bekommen kann. Kurz überlege ich, etwas wilder herum zu plantschen – so wie damals mit meinen Brüdern, kam mir aber blöd dabei vor und ließ es bleiben. Ehrlich gesagt hatte ich auch gar nicht das Bedürfnis danach, wild im Wasser herum zu springen, denn der Moment war auch so schon perfekt. Mir fehlte es an nichts.

Wasserhanf oder Wasserdost. Foto von Claudette Tabary auf Ain-naturalistes.fr

Wasserhanf oder Wasserdost. Foto von Claudette Tabary auf Ain-naturalistes.fr

Beim an Land Gehen fiel mir der rosa blühende Wasserhanf (Eupatorium cannabinum) auf, der die Badestelle von beiden Seiten ziert. Auch wenn er “Hanf” im Namen trägt – Rauchen kann man ihn nicht. Jedenfalls macht er nicht high. Aber er ist ein altes Heilkraut zur Stärkung des Immunsystems und kann bei verschiedenen Erkältungsformen, bei Fußödemen, Allergien, Milz-, Leber- und Gallenproblemen helfen. Seine Blüten haben die Eigenart, dass man sie nicht trocknen kann. Wenn man es versucht, so hat man im trockenen Zustand keine rosa Blüten mehr, sondern die weiß-flauschigen Samen. Vielleicht ist das ein gutes Bild für unsere Vergangenheit, die wir uns manchmal nostalgisch zurück wünschen. Wir können sie nicht konservieren. Aber heute ernten wir ihre Samen. Und aus jedem Samen kann dann wieder etwas Neues entstehen.